Der türkische Bayer

Man könnte Tim Seyfis bayerisch-türkischen Kommissar als furiosen Volltreffer in Sachen Casting bezeichnen - hätte sich der 45-jährige Schauspieler mehr oder minder nicht selbst um die Rolle beworben. Doch sei's drum - in der neuen Reihe "Kommissar Pascha" zeigt die ARD (Donnerstag, 16. und 23. März) endlich mal Qualität auf dem "leichteren" Krimi-Sendeplatz am Donnerstagabend. Das unterhaltsame Multikulti-Konstrukt funktioniert als echte Screwball-Comedy: Man freut sich über exzellent spritzige Dialoge, feine Charaktere und exzellentes Schauspiel. Für Tim Seyfi, der schon lange in Nebenrollen ("Gegen die Wand") oder im Vorabendprogramm ("Heiter bis tödlich: Koslowski & Haferkamp") unterwegs ist, sind die Krimis nach den Romanen Su Tarhans endlich die verdiente Bühne für sein Talent. Umso besser, dass sich Seyfi in der Reihe (fast) selbst spielen darf.

teleschau: Sie passen so perfekt in die Rolle des Münchener Türken, dass man annimmt, "Kommissar Pascha" ist für Sie erfunden worden ...

Tim Seyfi: Ganz so war es nicht. Aber ich kenne den Autor der Romane, Su Turhan, seit wir vor zehn Jahren mal zusammen an einem Kurzfilm gearbeitet haben. Er ist auch ein türkischer Bayer, so wie ich. Als er anfing, diese Pascha-Romane zu schreiben, fand ich sie nicht nur ausgesprochen genial, sondern sagte auch früh: "Wenn das mal verfilmt wird, will ich den auch spielen."


teleschau: Wurde Ihrer Ansage Folge geleistet?


Seyfi: Ich habe zum ersten Mal als Schauspieler etwas gemacht, was ich sonst nie tue. Als ich Gerüchte hörte, dass die Bücher verfilmt werden, habe ich mich bei der Produktionsfirma gemeldet. Es war eine richtige Bewerbung (lacht), die ich da abgeschickt habe. Aber ich musste denen ja erklären, dass ich diese Figur bin. Dass ich mit ihr fast alles in Sachen Herkunft, Sozialisation und Mentalität gemein habe.


teleschau: Und was passierte dann?


Seyfi: Moment! Ich habe denen auch geschrieben, dass ich die Rolle nicht geschenkt haben möchte. Ich wollte nur zum Casting. Es war mir nicht klar, wie diese offensive Art ankam, denn die Reaktion war erst mal eher neutral. Sechs Wochen später fand das Casting statt - und es war toll. Die machten einfach die Kamera an und ich habe denen eine knappe Stunde erzählt, wer Zeki Demirbilek ist. Ich glaube, es hat überzeugt. Kurz danach haben sie nämlich aufgehört zu casten (lacht).


teleschau: Mussten Sie nicht allein deshalb schon die Rolle bekommen, weil die Sprache Ihre Figur ständig zwischen Türkisch und authentischem Bayerisch wechselt. Wie viele Schauspieler außer Ihnen können das?


Seyfi: Grundsätzlich haben Sie recht, da gibt es nicht so viele. Aber das war im deutschen Fernsehen noch nie ein Problem. Da hätte man auch einen Schauspieler aus Mecklenburg-Vorpommern holen können, der vielleicht noch nicht einmal Türke ist. Er hätte sich dann mühsam für ein paar Sätze Dialekt draufgeschafft und ansonsten Hochdeutsch gesprochen. Dass man bei diesem Film auch auf die Sprache Wert gelegt hat, ist ein Glücksfall. Nicht nur für mich, auch im Sinne des Werks.


teleschau: Sie sagen, dass Sie Su Turhan bereits kannten, als er seine "Pascha"-Krimis zu schreiben begann. Haben Sie ihn mal gefragt, ob er Sie mit seiner Ermittlerfigur ein bisschen kopiert?


Seyfi: Ja, das habe ich. Er hat mir die Frage nie richtig offen beantwortet. Aber er dementierte es auch nicht klar (lacht). Das ist auch alles gar nicht schlimm, denn ich habe die Rolle ja. Meine Schwester sah den Film auf einem Festival und sagte zur mir: "Da hast du ja mal einen lockeren Job gehabt. Du musstest nur dich selbst spielen." Ganz so einfach war es aber auch nicht. Tatsächlich arbeiteten wir sehr hart an diesen Zeilen, der Sprache und dem speziellen Miteinander in dem Ermittler-Team. Wenn etwas im Film lustig und auf den Punkt kommen soll, ist das meist harte Arbeit.


teleschau: Ihr türkischer Kommissar ist manchmal bayerischer als der Urbayer aus dem Bilderbuch. Realistisch oder eine Überzeichnung?


Seyfi: Überzeichnet finde ich ihn nicht, eher realistisch getroffen. Es geht schon mit der Sprache los, die mir immer sehr wichtig ist. Er ist Münchener, kein Bayer. Also spricht Zeki eine Art Salonbayerisch. In etwa wie Monaco Franze, eines meiner großen Vorbilder. An ihm habe ich mich in manchen Feinheiten dieser Rolle auch ein bisschen orientiert.


teleschau: Gibt es so etwas wie eine türkisch-bayerische Identität?


Seyfi: Die Geschichte der Türken in München ist uralt. Schloss Nymphenburg wurde zu einem nicht unerheblichen Ausmaß von türkischen Kriegshäftlingen gebaut. Die waren im 17. Jahrhundert sozusagen die ersten "Gastarbeiter". Man spürt das Türkische in München jedoch nicht so stark wie in Berlin beispielsweise. Es gibt auch kein klassisches Türkenviertel. Sie leben überall und sind meist gut integriert. Die Münchener Türken, ich kenne natürlich viele von ihnen, sind große Lokalpatrioten. Fast alle erzählen mir immer wieder, wie sehr sie "ihre Stadt" lieben.


teleschau: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Türken und Münchenern?


Seyfi: Ja, die Münchener sind auch Südländer. Diese Stadt ist emotionaler als andere Metropolen in Deutschlands. Die Menschen sind wahnsinnig herzlich, auch wenn manche Klischees das Gegenteil behaupten. Man hat das auch bei der Begrüßung der Flüchtlinge gesehen. Die war so herzlich wie vielleicht nirgendwo sonst in Deutschland. Außerdem sind die Münchener Genießer. Sie arbeiten eigentlich nur vier Tage die Woche. Am Freitagmittag fällt schnell der Hammer. Und sie sind Hedonisten. Man liebt es, gut zu essen, zu trinken und zu feiern. All das kommt mir aus der Türkei sehr bekannt vor.


teleschau: Wie sind Sie aufgewachsen?


Seyfi: Ich kam mit zwei Jahren aus der Türkei nach München. Wir waren eine klassische Großfamilie mit acht Kindern, vier Mädchen und vier Jungs. Mein Vater arbeitete bei der Müllabfuhr, meine Mutter ist putzen gegangen. Als wir Kinder waren, haben wir Kinder immer versucht, ihr bei der Arbeit zu helfen. Mit zwölf habe ich schon Supermärkte und Büros sauber gemacht.


teleschau: In der Familie wurde Türkisch gesprochen, und Ihr Bayerisch haben Sie auf der Straße gelernt?


Seyfi: Genau, in der Familie sprach man Türkisch. Ich bin in Aubing aufgewachsen, am westlichen Stadtrand. Es gehört noch zu München, ist aber sehr ländlich geprägt. Das waren zwei Welten - diese Hochhaussiedlung, wo wir lebten, die man da in die Landschaft gehauen hat. Und eben die Bauernhöfe drumherum. Wir kauften unsere Milch, unsere Kartoffeln beim Bauern. Meine Kumpels waren vor allem Bauernkinder. Ich verbrachte meine Kindheit in einem bayerischen Bullerbü. Wir fütterten Tiere und hingen den ganzen in Ställen, im Heu oder auf Wiesen ab.


teleschau: Wie haben die Bayern damals auf die vielen Ausländer in der Haushaus-Siedlung reagiert?


Seyfi: Es waren damals gar nicht so viele. In unserem Block gab es etwa 60 Sozialwohnungen. Außer uns lebten dort Mitte, Ende der 70-er vielleicht noch zwei, maximal drei türkische Familien. Ich schätze, keine zehn Prozent der Hausbewohner waren Ausländer. Mit der Zeit wurde es dann mehr. Ich spürte dort oder in der Nachbarschaft nie Antipathien gegen Ausländer. Erst später in der Schule ging das ein bisschen los. Ich erinnere mich an zwei Lehrer, die glaubten, wir würden gewohnheitsmäßig mit Parasiten wie Flöhen und Läusen hausen. Vielleicht wussten sie es nicht besser - oder sie hatten einen ziemlich schrägen Humor.


teleschau: Lange Zeit dachte man, die Deutschen wären heute freigeistiger als früher. Tatsächlich scheint die Fremdenfeindlichkeit aber größer geworden zu sein.


Seyfi: Das ist leider so. In den 80-ern spürte man noch einen gesellschaftlichen Konsens, der da hieß: Kommunikation führt zu Verständnis und Verständigung. Ich frage mich ernsthaft, was seitdem passiert ist. Die Deutschen reisen immer mehr, sie sind sogar Reiseweltmeister. Doch das führt heute nicht unbedingt zu größerer Offenheit anderen Kulturen gegenüber. Das Phänomen betrifft ja nicht nur die Deutschen. Die Ressentiments gegenüber Fremden haben überall in Europa zugenommen.


teleschau: Wie kann das sein?


Seyfi: Es gibt so ein neokolonialistisches, egoistisches Denken. Neulich hörte ich ein Gespräch zwischen zwei Müttern im Fußballverein meines Sohnes. Das war kurz nach dem Putschversuch in der Türkei. Da fragte eine Frau die andere, ob sie jetzt trotzdem noch in die Türkei in den Urlaub fahren würde. "Logisch", meinte die andere, "ich lasse mir doch von den Kanaken nicht den Urlaub verderben." Es gibt diese neue "Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen"-Mentalität. Sie ist mittlerweile auch in der Politik wieder gesellschaftsfähig geworden. Früher waren es nur ungebildete, dumme Menschen, die solche Dinge sagten. Heute hat sich das geändert, was selbst mir als extrem optimistischen Menschen Sorgen macht. Ich hoffe, dass eine Kehrtwende eintritt. Denn zum Miteinander auf diesem Planeten gibt es keine Alternative.


Eric Leimann
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