Neues Leben mit Fallstricken

Wer bis dato noch keine Midlife Crisis hatte, begegnet ihr spätestens, wenn die Kinder das Haus verlassen. In der sehr gelungenen Film-Trilogie "Eltern allein zu Haus" widmet sich das Erste dem Empty-Nest-Syndrom. In den Hauptrollen des ersten Films ("Die Schröders", Freitag, 24. März, 20.15 Uhr): das Ehepaar Ann-Kathrin Kramer (50) und Harald Krassnitzer (56). Die tragikomische Reihe erzählt von drei Familien, die beim Abiball ihrer Kinder in eine neue Lebensphase eintreten. Parallelen zum Privatleben der Schauspieler liegen auf der Hand. Auch wenn Kramer und Krassnitzer keine gemeinsamen Kinder haben, der österreichische "Tatort"-Kommissar zog Kramers Spross aus der Beziehung mit Jan Josef Liefers wie einen eigenen Sohn auf. Nun steht er unmittelbar vor dem Abitur ...

teleschau: Ihr Sohn ist 19 Jahre alt. Sind Sie bereits "Eltern allein zu Haus"?

Harald Krassnitzer: In Teilzeit. Er verabschiedet sich öfter an den Wochenenden. Da kriegen wir schon mal frei und haben Ausgang. Es ist eine Art Workshop für das Leben danach (lacht).


Ann-Kathrin Kramer: Er macht jetzt erst mal Abi. Was danach kommt, wissen wir noch nicht. Kann sein, dass wir im Sommer wie die Eltern im Film ebenfalls allein zu Haus sind.


teleschau: Diese Rolle war also eine therapeutische, vorbereitende Maßnahme?


Kramer: Klar, wir konnten mit dem Thema etwas anfangen. Andererseits bedeutet, Kinder zu haben, einen ständigen Abschied zu leben. Sie ziehen sich ja beständig von den Eltern zurück - wenn auch phasenweise langsam und millimeterweise. Aber genauso, wie sich ein Kind Stück für Stück sein Leben erobert, müssen wir Eltern uns immer mehr zurücknehmen. Das gibt die Natur einfach so vor.


teleschau: Ihr Plan klingt vernünftig. Doch das Paar im Film schlittert in die Krise, obwohl es sich eigentlich auf den Auszug der Kinder freute und viele Pläne "für danach" gemacht hatte ...


Krassnitzer: Man war halt 20 Jahre lang in einem Modus Operandi als Wasch-, Koch- und Fürsorgemaschine unterwegs. Da kann man noch so viele - theoretisch schöne - Pläne machen. Für die Zeit danach muss man sich trotzdem neu erfinden. Alleine und auch als Paar. Im Film will die Mutter, eine Vollzeit-Versorgerin, auf einmal Tanzkurse machen und nach Brasilien reisen. Für den Mann ist da plötzlich eine neue Frau! Auf die er sich erst mal einstellen muss ...


teleschau: Es gibt im Fernsehen kaum fiktionale Stoffe über jene Lebenszeit, in der sich die klassische Familie auflöst. Werden wir nicht ausreichend auf diese Phase vorbereitet?


Krassnitzer: Entschuldigen Sie, aber allein die Frage zeigt, wie weit wir uns mittlerweile von den natürlichen Dingen des Lebens entfernt haben. Auf Geburten, die natürlichste Sache der Welt, müssen wir uns heute vorbereiten. Solange, bis auch das kleinste Detail stimmt. Mit dem Sterben und dem Tod wollen wir schon gar nichts mehr zu tun haben. Trotzdem wird es uns alle erwischen. Auch das Abkoppeln der Kinder von ihren Herkunftsfamilien ist ein völlig natürlicher Prozess. Ich halte es für eher schwierig, sich mit großem Brimborium darauf vorzubereiten. Was wissen wir dann überhaupt noch vom Leben? Was können wir dann noch ohne Hilfe?


Kramer: Sie haben natürlich trotzdem Recht, dass das Thema im Film irgendwie neu ist und viele Leute sehr emotional darauf reagieren. Die drei "Eltern allein zu Haus"-Filme scheinen bei aller Leichtigkeit, die sie als Komödien haben, bei vielen Eltern einen Nerv zu treffen.


teleschau: Es gibt unzählige Filme über andere Lebensphasen. Warum ist das Empty-Nest-Syndrom im deutschen Fernsehen so lange unentdeckt geblieben?


Krassnitzer: Weil wir ohnehin viel zu wenig Platz für Familiengeschichten ohne kriminalistischen Hintergrund haben. Ein Großteil der Fiction ist ja Krimi. Wenn es immer eine Leiche geben muss, damit die Leute - angeblich - zuschauen, ist für subtilere Themen, die uns im Gegensatz zu Mord alle angehen, kaum Raum.


Kramer: Ich habe auch das Gefühl, dass die auf den ersten Blick kleinen Themen, die uns persönlich nahegehen, eher selten umgesetzt werden. Jene Phasen im Leben, wo uns allen schon mal die Felle davonschwimmen, werden gern ausgeblendet oder verdrängt, auch von Filmemachern.


teleschau: Wird der Empty-Nest-Blues auch deshalb ungern an die große Glocke gehängt, weil sich viele schämen und denken: Ich bin doch schon groß und müsste mit dem Problem besser umgehen können?


Krassnitzer: Mag sein, dass diese Phase, die natürlich Überschneidung mit der Midlife Crisis hat, gesellschaftlich nicht so akzeptiert ist. Sie existiert aber definitiv! Wir kennen viele Paare, die es nach dem Auszug der Kinder kräftig durchgeschüttelt hat. Oft geht es ganz schnell. Man merkt, bei denen ist irgendetwas komisch, und plötzlich heißt es: Wir haben uns getrennt! Es spricht für die These des wenig anerkannten Problems, dass viele Außenstehende auf die Nachricht mit Unverständnis reagieren. Da heißt es dann: "Was! Warum jetzt? Ihr hattet doch nun endlich alle Freiheiten!"


teleschau: Haben Sie beide denn schon Pläne für die Zeit "danach"?


Krassnitzer: Pläne? Wir haben Bücher. Eine Enzyklopädie des Aufzuholenden. Natürlich auch viele Anleitungen, darunter neue Kamasutra-Techniken, aber auch Wanderwege (lacht). Nein, im Ernst - wir freuen uns auf Urlaube, bei denen man eben nicht mehr darüber nachdenken muss, ob sie dem Kind oder Jugendlichen gerecht werden. Darauf, einfach mal stundenlang durch ein Museum zu stapfen ohne ein genervtes Gesicht im Schlepptau. Wobei ich nicht sage, dass die anderen Urlaube nicht auch schön waren. Also - wir haben große Lust auf eine Altersentfaltung ...


Kramer: Altersentfaltung - also, hör mal! Ganz so weit ist es noch nicht! Aber ich weiß natürlich, was Harald meint. Die Lust auf mehr Freiheit und Autonomie ist schon da und überwiegt, glaube ich, bei uns. Wir haben aber auch vorher immer darauf geachtet, dass jeder seinen Raum erhielt. Wir hoffen deshalb, dass der Übergang ein wenig sanfter wird als bei unseren Figuren im Film.


teleschau: Sie sind ein Paar seit Ende der 90-er und haben sich bei einem Dreh kennengelernt. Komischerweise haben Sie bis jetzt selten gemeinsam gedreht. Zufall oder Absicht?


Kramer: In Österreich haben wir mal eine Komödie gemacht, da waren wir auch ein Ehepaar ...


Krassnitzer: Grundsätzlich stimmt Ihre Beobachtung. Wir haben schnell gemerkt, dass wir ungern dieses Klischee bedienen. Sozusagen im Film wie im Leben romantisch oder mit Herzschmerz verbunden zu sein.


Kramer: Deshalb haben wir von derlei Rollenangeboten meist die Finger gelassen. Bei "Eltern allein zu Haus" hatte das Drehbuch jedoch eine Differenziertheit und Aufrichtigkeit, dass wir unsere Bedenken über den Haufen warfen.


teleschau: Ist es als Schauspieler leichter, ein "altes Ehepaar" zu spielen, wenn man selbst eins ist?


Krassnitzer: Ich teile Rollen nicht in leicht oder schwierig ein. Ich kenne Rollen, die mehr Spaß machen und andere, die weniger Freude bereiten. Wenn wir gemeinsam in einem Film spielen, bereiten wir uns auf die Arbeit so vor, als wäre der andere ein ganz normaler Kollege. Das bedeutet: getrennte Zimmer und unterschiedliche Arbeitsrhythmen. Am Ende verbringt man natürlich mehr Zeit miteinander, als wenn der andere nicht in der Stadt wäre. Das empfinden wir dann natürlich als sehr angenehm.


teleschau: Ist man nicht versucht, zum Beispiel bei Szenen mit Ehekrach, auf eigene Streitmuster respektive die zugehörige Mimik und Gestik zurückzugreifen?


Kramer: Nein. Wir sind Schauspieler und erarbeiten uns Rollen, was nichts anderes heißt, als dass wir Menschen, die es bislang nur in Form eines Drehbuchs gab, Wirklichkeit werden lassen. Da noch unseren eigenen Käse reinzustreuen, ergäbe wenig Sinn und würde den Film sicher nicht besser machen.


Eric Leimann
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