"Politiker und Schauspieler sind Narzissten"

Filmemacher, die Tom Schilling für eine Hauptrolle verpflichten, haben großes Glück. Kein anderer deutscher Schauspieler seiner Generation versteht es wie er, seinen Rollen die Anziehungskraft eines schwarzen Loches zu verleihen. "Oh Boy" wäre ohne Schilling vielleicht nur das nervige Umherirren eines jungen Hängers durch Berlin gewesen. Auch die epochale Weltkriegserzählung "Unsere Mütter, unsere Väter" prägte er durch die feine Zeichnung eines Antihelden, der vom Pazifisten zur Killermaschine wird. Im ZDF-Dreiteiler "Der gleiche Himmel" kann der 35-Jährige sein subtiles Spiel, das immer ein Geheimnis zu bewahren scheint, nun besonders passend einsetzen: Im Berlin der 70-er verkörpert er einen DDR-Romeo-Agenten, der im Westen Frauen in geheimdienstlicher Stellung betören soll.

teleschau: Sie sind einer der gefragtesten deutschen Schauspieler. Was hat Sie an "Der gleiche Himmel" gereizt?

Tom Schilling: Es gibt selten nur einen Grund, sich für ein Projekt zu entscheiden. Hier hat mich überzeugt, dass es gut geschrieben war. Es gab aber noch einen anderen Aspekt. Ursprünglich sollte es eine Serie mit 45 Minuten langen Folgen werden, eine Koproduktion mit der BBC. Weil ich große Lust hatte, eine Serie zu drehen, passte das natürlich. Dass das ZDF den Stoff nun doch wieder als Dreiteiler ausstrahlt, wusste ich damals nicht.


teleschau: Klingt danach, als hätte sich das Projekt über die Zeit stark verändert ...


Schilling: Ja, ein wenig schon. Ursprünglich gab es viel mehr englischsprachige Anteile. Soweit ich weiß, war die BBC dann doch nicht dabei. Man richtete das Ganze vermutlich wieder stärker auf den deutschen Markt aus. Hierzulande haben die Fernsehsender immer noch ein bisschen Angst vor Untertiteln. Ich glaube, zu Unrecht. Für junge Menschen weltweit wird es immer selbstverständlicher, internationale Serien mit Untertiteln zu schauen.


teleschau: Immerhin sprechen die Amerikaner in diesem Dreiteiler kein Deutsch mit Akzent. Man hört relativ lange englische Dialoge.


Schilling: Das stimmt, für eine klassische Fernsehausstrahlung im ZDF wurde auf Sprachauthentizität relativ viel Rücksicht genommen. Ich fand es ohnehin spannend, wie tief sich eine englische Autorin wie Paula Milne in diesen deutsch-deutschen Stoff eingearbeitet hat. Oliver Hirschbiegel ist zudem ein ziemlich interessanter Regisseur.


teleschau: Inwiefern?


Schilling: Es ist wahnsinnig schwierig, mit großen Sets umzugehen. Szenen mit vielen Komparsen in historische Bauten. Nicht jedem Regisseur fällt es leicht, alles so zu koordinieren, dass man am Ende als Zuschauer wirklich das Gefühl hat, in dieser Zeit zu sein. Meist sieht das Ganze ein bisschen nachgebaut und geschummelt aus. Oliver Hirschbiegel jedoch hat einen tollen Blick für große Sets, er ist auch ein unglaublicher Ästhet. Insofern macht gerade ein historischer Stoff mit ihm besonders viel Spaß.


teleschau: Sie kennen sicherlich die viel diskutierte RTL-Serie "Deutschland 83" ...


Schilling: Ja, die kenne ich.


teleschau: Die Geschichten ähneln sich ein bisschen. Zwei DDR-Agenten befinden sich auf geheimer Mission im Westen. Nur dass Ihr Film zehn Jahre früher einsetzt. Hat es Sie nicht doch gestört, Agent Nummer zwei zu sein?


Schilling: Ich hätte sicher darüber nachgedacht, wenn ich von dem anderen Projekt gewusst hätte. Wir drehten schon, als "Deutschland 83" lanciert wurde. Na klar, das hat mich ein bisschen geschockt. Ich schaute mir die Serie später an und war erleichtert zu sehen, dass wir doch etwas anderes gemacht haben.


teleschau: Wo sehen Sie die Unterschiede?


Schilling: Das Einzige, das die Stoffe gemeinsam haben, ist, dass sie im Kalten Krieg spielen. Dass ein Spion im Mittelpunkt steht, der in den Westen geht. "Der gleiche Himmel" erzählt aber viel mehr Facetten von Leben auf beiden Seiten der Mauer. Und natürlich spiele ich einen Romeo-Agenten, was allein schon ein Kosmos für sich ist.


teleschau: Wäre die Geschichte eines Ost-Agenten, der in den Westen geschickt wird, um sich dort an Geheimnisträgerinnen heranzumachen, genauso interessant, wenn es sich nicht um eine deutsch-deutsche Geschichte handeln würde?


Schilling: Wahrscheinlich nicht. Wir erzählen von zwei Familien, die mehr miteinander zu tun haben, als sie denken. Die besondere Nähe, dieses deutsch-deutsche Misstrauen, aber natürlich auch die Sehnsucht nacheinander ist schon etwas Besonderes. Das ist schon anders, als wenn es zwei x-beliebige Länder wären, die sich gegenseitig ausspionieren. Das Shakespearehafte und Familiäre an der Geschichte treibt die Absurdität deutsch-deutscher Spionage einfach auf die Spitze.


teleschau: Deutschen TV-Stoffen wird gern vorgeworfen, nicht subtil genug zu erzählen, um an internationale Klasse heranzukommen. Ist das hier besser gelungen?


Schilling: Subtilität kann man auf unterschiedliche Art erzeugen. Durch Schauspiel beispielsweise und natürlich durch ein gutes Buch. Was den Plot betrifft, werden die Protagonisten und ihre Ziele bei uns schon klar gegenübergestellt. Wahrscheinlich muss man sogar einen klaren Konflikt zeichnen, wenn man im Fernsehen ein großes Publikum erreichen will. Ein wenig Subtilität geht so immer verloren. Deshalb kann aber trotzdem ein guter Film dabei herauskommen.


teleschau: Geht es auch andersherum? Subtil erzählen und trotzdem viele Millionen Zuschauer erreichen?


Schilling: Es ist zumindest in unserer Fernsehlandschaft weitaus schwieriger. Ein gutes Beispiel ist der Film "Auf kurze Distanz", der vor einem Jahr in der ARD lief. Ich spiele darin einen Undercover-Polizisten, der sich in die serbische Sportwetten-Mafia Berlins einschleust. Es ist einer der besten Filme, die ich je gemacht habe. Er lässt sich Zeit und gewinnt dadurch ungeheuer an Atmosphäre und Authentizität. Angeschaut haben den Film um 20.15 Uhr im Ersten 2,6 Millionen Menschen. Das ist deutlich zu wenig.


teleschau: Kann man als Schauspieler überhaupt gegen knallige Stoffe anspielen?


Schilling: Es ist sogar das Einzige, was man tun kann. Wer nicht in der Position ist, darüber zu entscheiden, welche Stoffe und Bücher umgesetzt werden, kann sich nur auf das Spiel konzentrieren. Ich versuche, meinen Figuren genügend Subtilität zu geben, damit man sich für sie interessiert.


teleschau: Genau das ist eine ihrer großen Stärken als Schauspieler. Wie machen Sie das?


Schilling: Vielleicht indem ich mir das Recht rausnehme, Figuren rätselhafter, undurchschaubarer und schattenhafter zu spielen, als sie vielleicht auf dem Papier stehen. Echte Menschen sind meist rätselhafter als TV-Figuren. Man weiß ja auch viel weniger von ihnen ...


teleschau: Als Romeo-Agent spielen sie nun jemanden, der nur so tut, als hätte er sich unsterblich in eine Frau verliebt. Da dürfen Sie aber nicht Ihr bestes Schauspiel zeigen, oder?


Schilling: Dieses Problem sehe ich nicht. Die Figur, die ich spiele, ist absoluter Profi. Und enorm ehrgeizig dazu. Natürlich folgt er Anweisungen. Und er hat Techniken erlernt. Aber wenn er sich dieser Frau nähert, ist er voll in der Situation. Ich habe mich zur Vorbereitung mit professionellen Verführern, so genannten Pick-up Artists, und Romeo-Agenten beschäftigt. Diese Leute sind schon auf perfide Art sehr gut.


teleschau: Also haben Romeo-Agenten und Schauspieler etwas gemeinsam ...


Schilling: Ja und nein. Wenn ich mit einer Schauspielerin eine Szene drehe, in der wir verliebt sind, dann stelle ich mir als Tom vor, in diese Frau verliebt zu sein. Zumindest solange ich ihr das alles erzähle. Dann ist die Szene vorbei, man hat einen privaten Moment und das Verliebtsein ist vorbei (lacht). Es lässt sich aber auch schnell wieder herstellen. Wenn der Schnitt gut arbeitet, sehen wir am Ende wahnsinnig intensiv und verliebt aus.


teleschau: Agenten und Schauspieler beschäftigen sich also beide hochprofessionell mit der Kunst der Illusion. Steckt ein ähnlicher Menschenschlag dahinter?


Schilling: Nein. Ich glaube sogar, unterschiedlicher kann man kaum sein. Man denkt ja immer nur von uns, wir spielen mit falschen Karten. Der Clou ist jedoch, dass man überzeugt ist, jemand anderes zu sein, wenn man eine Szene spielt. Ich habe in der Szene das Gefühl, ehrlich zu sein. Genauso bin ich auch privat: Ich kann gar nicht lügen. Deshalb könnte ich niemals als verdeckter Ermittler oder Spion arbeiten.


teleschau: Aber vielleicht erlebt der Romeo-Agent ebenso ein Verliebtsein auf Zeit, so wie Sie beim Drehen?


Schilling: Nein, ich glaube, dass man in fast allen übrigen Berufen immer genau wissen muss, wer man ist und was man tut, um gut sein. Dass man immer bei sich selbst bleiben muss. Auch von Politikern sagt man ja, sie seien gute Schauspieler. Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Die einzige Gemeinsamkeit zwischen Politikern und Schauspielern ist, dass sie beide Selbstdarsteller und Narzissten sind.


teleschau: Was muss ein besonders guter Schauspieler können?


Schilling: Er muss ein Gespür für Geheimnis und Wahrhaftigkeit haben. Solchen Leuten schaue zumindest ich am liebsten zu. Es gibt durchaus Schauspieler, sogar sehr erfolgreiche, die haben keine dieser beiden Begabungen. Sie sprechen und verhalten sich groß und künstlich, wenn die Kamera an oder der Vorhang auf geht. Es ist wie mit Entertainern, seien sie nun auf der Bühne oder im privaten Kreis unterwegs. Diese Menschen haben sicherlich eine Begabung als Unterhalter. Man darf das jedoch nicht mit Schauspieltalent verwechseln. Andererseits sind viele grandiose Schauspieler Komplett-Versager, wenn es darum geht, eine Runde zu unterhalten.


Eric Leimann
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