"Jung heißt doch nicht dumm"

Cohen? Check. Reiser? Check. Doherty? Ebenfalls: Check. Die Liste der Musikgrößen, mit denen Faber in den Medien bereits verglichen wurde, ist eindrücklich. Noch beeindruckender: Der 24-jährige Songwriter aus Zürich wurde schon gefeiert, da war sein erstes Album noch nicht einmal veröffentlicht. Eine crowdgefundete EP reichte dem jungen Schweizer mit der eindrucksvollen Stimme und den wirren dunklen Locken, um Hallen zu füllen - und nun auf einem Majorlabel mit "Sei ein Faber im Wind" (VÖ: 7.7.) sein Langspiel-Debüt zu geben. Vom Hype um seine Chanson-Polka-Songs scheint der Newcomer ebenso überrascht wie von den Feuilleton-Debatten über seine kontroversen Texte. Wie er den Trubel um sich erlebt und warum er in seiner Heimat weniger bekannt ist, verrät Faber trotz verletztem Knie im Gespräch über Grundeinkommen, alte Männer und "Nutten" in seinen Songs.

teleschau: Das Knie - wie ist das denn passiert, und wie geht es Ihnen?

Faber: Ganz gut eigentlich. Ich bin von einem Berg gefallen. Wir Schweizer fallen ständig von Bergen. Aber besser ein gebrochenes Knie als ein gebrochenes Herz.


teleschau: Tatsächlich?


Faber: Auf jeden Fall. Ich bin auch leichter zu ertragen mit einem gebrochenen Knie.


teleschau: Über gebrochene Herzen klagen Sie auch oft in Ihren Songs - bisweilen recht harsch: Schon vor Veröffentlichung wurden Sie kritisiert, weil Sie in einem Liebeskummer-Song eine Frau als "Nutte" beleidigen. Ein Tabubruch?


Faber: Ich hab die Debatte verfolgt. Aber ich nenne ja Frauen nicht "Nutte". Vielmehr wird in dem Song eine Frau beschimpft - da hab ich keinen großen Unterschied zwischen "Arschloch" und "Nutte" gemacht; ich benutze beides als Schimpfwörter.


teleschau: Verstehen Sie die Aufregung darum?


Faber: Ich fühl mich auf jeden Fall nicht mehr wohl, wenn ich mit zu vielen Männern darüber rede, wie man Frauen nennen darf. Da komm ich mir vor wie bei "Mad Men", wo alte Männer entscheiden, was junge Frauen wollen. Das ist sehr seltsam. Wenn man schon einen Diskurs führen will, dann nicht darüber, warum ich "Nutte" gesagt habe. Sondern warum die meisten Musikjournalisten Männer sind, oder warum es im Musikgeschäft so wenig Frauen gibt.


teleschau: Irritiert waren wohl einige Kritiker, weil sie nicht einschätzen konnten, wie ernst Sie es meinen - wie weit derlei Texte auf Ihrem Leben basieren.


Faber: Das kann man ja nie genau sagen - dass nun in einem Lied alles autobiografisch ist und in dem anderen Song alles erfunden. Es ist eine große Mischung aus Erlebtem und Nichterlebtem, aus Rollenprosa und Nichtrollenprosa. Und da legt man manchmal Aussagen in den Mund, die man selbst nicht sagen würde. Aber insgesamt passt mir das gerade ganz gut, dass man das nicht weiß.


teleschau: Sie spielen gern mit dieser Unsicherheit?


Faber: Megavielen Leuten liegt sehr viel an der Wahrheit. Ich finde das gar nicht so wichtig. Wenn jemand eine geile Story erzählt, möchte ich mir gar nicht überlegen, ob das gelogen ist. Zwischenmenschlich finde ich das eigentlich ganz in Ordnung. Man soll sich eine gute Geschichte nicht von der Wahrheit kaputt machen lassen (lacht)! Das hat Boris Johnson gesagt. Wobei das ein wenig seltsam ist, wenn es ein Politiker sagt.


teleschau: In der Kunst ist es egal?


Faber: Es kann doch offen bleiben, ob ich manches ironisch meine oder nicht. Genauso wie man in unserer Generation ja nicht irgendwie stilecht sein muss und alles mixen kann.


teleschau: Ihr Stil wurde mal so beschrieben: "Er ist 23, singt und schreibt aber wie ein 50-Jähriger." Das wäre doch für einen Musiker noch vor zehn Jahren eine astreine Beleidigung gewesen.


Faber: Ich sah es eigentlich immer als Kompliment. Langsam überlege ich mir aber auch, ob das nicht beleidigend ist. Erstens finde ich nicht, dass es so ist. Und zweitens: Wie schreibt denn ein 50-Jähriger? Wie ein 24-Jähriger? Nur weil man nicht wie in den "Bibi"-YouTube-Videos redet? Jung heißt doch nicht dumm. Und wenn, dann lieber jung und dumm, als alt und dumm (lacht).


teleschau: Also nerven Sie auch die Referenzen auf all die alten Chanson-Männer?


Faber: Das find' ich schon geil! Die waren ja auch mal jung. Und wenn mich jemand mit Leonard Cohen vergleicht, nehme ich das natürlich als großes Kompliment.


teleschau: Sie selbst haben sich mal auf Jacques Brel bezogen.


Faber: Ja, der hat so eine Urgewalt; der kann total ausbrechen. Und das ist es, was mir heutzutage ein bisschen fehlt - auch wenn das jetzt altbacken klingt. Vieles in der Musik ist entspannt, "cool" und läuft im sicheren Bereich. Es geht nie an die Grenze, eckt nicht an. Das ist nicht meine Einstellung zum Leben.


teleschau: Wie lautet denn Ihre Einstellung?


Faber: Vor allem Live denke ich oft: Es könnte auch mal wieder was emotional in die Luft gehen! Das sehe ich erschreckend selten. Und verstehe es aber auch: Es macht dich ja angreifbar. So sensibel zu sein - das möchte man nicht unbedingt gleich zeigen.


teleschau: Sensibel - das Wort überrascht in dem Zusammenhang.


Faber: So ein Ausbruch hat ja auch etwas sehr Zerbrechliches. Man gibt in kürzester Zeit so viel von sich preis. Ich bin sehr sensibel. Leider.


teleschau: Nicht nur in der Musik, sondern auch persönlich?


Faber: Ich würde das gar nicht trennen. Es ist nicht so, dass ich die ganze Zeit rumschreie. Die Grenze zwischen Inszenierung und Ich ziehe ich gar nicht. Ich halte es für per se dumm, zu sagen, man wäre "man selber". Das impliziert ja schon, dass man eine einzige Person sei. Das ist ein ziemlich dummer Gedanke.


teleschau: Inwiefern?


Faber: Natürlich rede ich mit Ihnen nicht wie mit meinen Freunden. Auf der Bühne bin ich anders als hinter der Bühne. In der Schule war ich noch mal ein ganz anderer. Da kann ich auch nicht sagen: Das eine ist mein wahres Ich. Auch wenn du anderen etwas vorspielst, gibst du ja extrem viel preis. Und wenn sich jemand inszeniert, dann zeigt derjenige eine Menge von sich. Wenn ich auf der Bühne übertreibe, ist das nicht gelogen.


teleschau: Wenn man wie Sie in kurzer Zeit zum Hype wird - denkt man da automatisch mehr über die eigene Außenwirkung nach?


Faber: Ich überlege mir schon, wie ich rüberkomme. Das würde ich lieber nicht - aber es ist schwierig, zu sagen, es wäre mir egal, was andere denken. In Zürich jedoch bin ich zum Beispiel noch total geschützt vor dem ganzen Trubel. Das hilft total, runterzukommen - etwa von den Gedanken daran, wie man nun wirkt. Dort ist alles, wie es immer ist.


teleschau: Was sicher damit zusammenhängt, dass Sie in der Schweiz noch nicht so durch die Decke gegangen sind wie hierzulande ...


Faber: Das liegt auch daran, dass die Schweizer die Deutschen hassen. Es gibt da so einen Minderwertigkeitskomplex. Weil die nicht so gut Deutsch sprechen wie die Deutschen und die Deutschen immer sagen: "Och wie süß!". Deshalb ist ein Schweizer, der Hochdeutsch singt, schon Hochverrat!


teleschau: Bekamen Sie solche Reaktionen in der Heimat?


Faber: Es äußert sich vor allem in Desinteresse. Man sagt: "Mit dem will ich nix zu tun haben." Aber es kommt langsam!


teleschau: Sie leben noch in Zürich - bleibt das jetzt erst mal so?


Faber: Ja. Zürich hat etwas ehrlich Biederes. Bei uns könnte Obama ohne Ticket in der Bahn sitzen - da würde man ihn erst bewundern und dann sagen: Du hast kein Ticket, du musst leider gehen. Es nervt schon, aber das tut jede Stadt. Ich hab dort gute Freunde und Verwandte. Eine Stadt kann mir niemals so viel geben wie Menschen. Gott, klingt das pathetisch (lacht)!


teleschau: Zürich und die Schweiz kritisieren Sie in den Songs auch immer auf einer politischen Ebene ...


Faber: Es gibt Themen, die müssen angegangen werden, sonst endet das schlecht. So etwas wie das bedingungslose Grundeinkommen. Das ist weder links noch rechts, sondern zukunftsorientiert. Da soll man nicht damit kommen, dass das nicht finanzierbar sei. Finanziert es mal, wenn die Hälfte der Leute keinen Job mehr haben, weil die Automatisierung voranschreitet! Da wäre das Grundeinkommen das Beste.


teleschau: Das klingt wie eine sehr konkrete politische Agenda. In einigen Songs zeigen Sie auch klare Kante - etwa, wenn es um ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer geht.


Faber: Auch da macht die Politik ja alles falsch. So naiv das klingt: So lange wir multinationale Konzerne in Länder schicken, die wir von A bis Z kaputt machen, dürfen wir die Leute, die zu uns kommen, nicht Wirtschaftsflüchtlinge nennen - und sagen, die kommen, um Ferien zu machen. Die kommen ja nicht, weil sie Bock darauf haben. Das ist alles richtig pervers. Aber solange man hier dran verdient, beruhigt man sich, weil man ja gespendet hat. Das ist scheinheilig. Man kann nicht mit gutem Gewissen Mauern hochziehen, während wir in den Ländern alles kaputt machen.


teleschau: Wenn Sie könnten - wie sähe denn Ihre Flüchtlingspolitik aus?


Faber: In der Schweiz wird immer über kürzere Asylverfahren geredet - dabei sollte man das ganze Asylsystem wegwerfen. Es kann doch nicht sein, dass ich einfach nach Bagdad fliegen kann - und umgekehrt musst du tausende Euro zahlen, und wahrscheinlich kommst du sogar um. Da stimmt grundsätzlich was nicht. Man kann den Schleppern einfach den Garaus machen: Alles visafrei!


teleschau: Das klingt, als seien Sie viel mehr kritischer Künstler, als man Ihnen zugesteht - zukunftsorientiert und politisch.


Faber: Persönlich kann ich eher nicht so in die Zukunft schauen, oder sagen, wo ich in einem Jahr bin. In meinen Songs mach' ich ein wenig Politik - aber ich finde, das muss man auch überhaupt nicht. Wenn jemand am liebsten und am besten Liebeslieder schreibt, ist das doch okay. Insgesamt finde ich es aber schon schade, dass so wenig Aussage existiert. Die Sache ist ja, dass ich wenig Impact habe und zu den eigenen Leuten predige. Es müsste mal eine Helene Fischer ein Politalbum klatschen!


Maximilian Haase
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